Der Cappuccino-Sieg der LogistikerInnen

Vorbemerkung

Zur besseren Lesbarkeit werden einige der im Text verwendeten Abkürzungen und Begriffe hier erklärt. Die CGIL (Confederazione Generale Italiana del Lavoro) ist der grösste Gewerkschaftsdachverband Italiens und steht dem “Partito Democratico” nahe. Si Cobas (Sindacato Intercategoriale Cobas – Lavoratori autorganizzati) ist eine kleine Basisgewerkschaft. Die Ugl (Unione Generale del Lavoro) ist eine korporativistische Gewerkschaft, die aus der ehemaligen, dem neofaschistischen MSI nahestehenden CISNAL hervorgegangen ist.
Die Sgb (Service Group Bologna) ist ein Zusammenschluss von Genossenschaften in der Emilia Romagna, die auf das Anbieten von Logistik-Dienstleistungen spezialisiert sind. Ctl ist ein internationaler Logistikkonzern mit Sitz in Warschau. Cogefrin ist eine italienische Firmengruppe, die in den Bereichen Spedition und Logistik weltweit tätig ist. Der Interporto von Bologna ist eine riesige Drehscheibe für den Güterumschlag von Strasse und Schiene. Sda Express Courier ist eine Tochtergesellschaft der italienischen Post (
Gruppo Poste Italiane). Die Firmengruppe Granarolo mit Sitz in Bologna ist landesweit in der Verarbeitung von Milch und Milchprodukten tätig und der Legacoop (Lega Nazionale delle Cooperative e Mutue) angeschlossen, der italienischen Dachorganisation der Genossenschaften. Aufgrund steuerlicher Vorteile, welche die Rechtsform geniesst, herrscht in Italien ein eigentlicher Wildwuchs an Genossenschaften, die als Deckmantel benützt werden, unter dem sich, wie die Untersuchung zeigt, Scheinselbständigkeit und prekäre Arbeitsverhältnisse ausbreiten.

Eleonora Bortolato, Anna Curcio
aus: il manifesto, 14.08.2013

Unter den ArbeiterInnen der Logistik-Kooperativen in der Region Emilia Romagna, die ihren Kampf gegen Entlassungen und Lohnkürzungen von 35 Prozent gewonnen haben. Pakistani und Marokkaner, die im Kampf für ihre Rechte „Brüder“ geworden sind.

Ich wartete auf das fünfte Dienstjahr, um die Aufenthaltsbewilligung zu erhalten und in ein anders Land zu reisen. Hier werden wir Ausländer sehr ausgebeutet. Der Lohnzettel stimmt nie und die CGIL sagt, sie könne nichts tun. Ich hatte geplant, meiner Freundin in die Schweiz zu folgen. Dann habe ich gehört, dass die Arbeiter anderer Kooperativen den Kampf für bessere Arbeitsbedingungen gewonnen haben. Wir haben uns bei der Si Cobas eingeschrieben, die ihn organisiert und den Kampf für die Anerkennung des nationalen Tarifvertrages begonnen hat. Jetzt habe ich die Aufenthaltsbewilligung, aber ich will in Bologna bleiben. Ich habe im Kampf viele Brüder gefunden.“ Hassan ist aus Marokko, 31 und seit 2007 in Italien. Er gehört zu den Aktivsten in der offenen Auseinandersetzung mit der Sgb, einer der Firmengruppen, die im Sektor die Subunternehmen zusammenfasst und mittels einer perversen Abwärtsspirale die Produktionskosten senkt .

Anfang Mai wurden 41 ArbeiterInnen der Cogefrin Lagerhäuser im Interporto von Bologna und der Ctl bei Granarolo entlassen, nachdem sie gegen eine Lohnkürzung von 35 Prozent, die aufgrund eines angeblichen „Krisenzustands“ verhängt worden war, und für die Anerkennung des nationalen Tarifvertrags, gestreikt hatten. Weitere 10 wurden auf unbefristete Zeit freigestellt. Daraus entstand ein Seilziehen zwischen den ArbeiterInnen und der Sgb, in das auch Granarolo und Cogefrin als Auftraggeber und Legacoop, der Dachverband der Genossenschaften, hineingezogen wurden. Der Kampf dauerte über 70 Tage, mit Blockaden, Streikposten bei den zwei Betrieben, Angriffen der Polizei, Boykott-Initiativen, einer Demonstration in Bologna und vier Treffen mit dem Bürgermeister, der sich als Mediator zwischen den beiden Seiten eingeschaltet hat. Am 18. Juli wurde das Abkommen unterzeichnet. Die ArbeiterInnen sind zwar nicht ganz zufrieden, aber sie weisen auf das erreichte Resultat hin: „Die Monate, während denen wir ‚entlassen‘ waren, werden rückwirkend bezahlt. Das heisst, sie bezahlen die Monate, in denen wir gekämpft haben,“ hebt Karim hervor, 25, aus Marokko, Unistudent in Statistik. Karim arbeitet in einem Lager des Interporto und hat aktiv an den Mobilisierungen teilgenommen.

Das Abkommen sieht die Wiedereinstellung von 23 ArbeiterInnen vor und soll die andern bis zum 30. September wiedereingliedern, ab dem 1. Juli erhalten alle die staatliche Kurzarbeitszeitentschädigung. Es ist nur ein Teilsieg, aber gegenüber dem ersten Vorschlag bedeutet er gleichzeitig einen grossen Schritt vorwärts: festgelegter Termin für die Wiedereinstellung, Aufhebung der Probezeiten, Wegfall der Einschränkung beim Ausgleich vorangegangener Einbussen (20’000 Euro pro Arbeiter), ebenso verschwindet die Erklärung, die den Protest kriminalisiert hatte. „Eine starke Stellung auf der Ebene des Kampfes“ erklärt die Si Cobas in einem Communiqué: das Schlachtfeld bleibt offen. „Wir haben unter der Erpressung des Termindrucks der Anfragen für die Kurzarbeitsentschädigung unterzeichnet. Wenn nun aber bis im September nicht alle wiedereingegliedert werden, kehren wir mit der ganzen Stärke, die wir schon einmal gezeigt haben, zu Granarolo zurück“ bestätigt auf seinem Facebookprofil Bharat, 27, aus Pakistan, eine weitere Bezugsperson des Kampfes.

In den Lagerhäusern

Trotz der Aussagen von Legacoop, wonach die Arbeit der LogistikerInnen nicht darin bestehe, Waren herumzuschieben, sondern den Computer zu bedienen, generieren die Auftraggeber wie Ctl und Cogefrin ihre Profite durch die Ausbeutung der migrantischen Arbeitskraft und indem nicht, wie in anderen Ländern, in Technologie oder Informatiksysteme investiert wird. Gleichzeitig bedeutet die Verwaltung durch die Genossenschaften eine Ausnahmeregelung betreffend nationalem Tarifvertrag und die Konkurrenz zwischen den Auftraggebern drückt stark auf die Arbeitskosten. Das Ctl Lager von Granarolo wird heute vollständig von der Sgb verwaltet. Bharat erzählt: „Vor zwei Jahren habe ich mit Coopser angefangen, die den Tarifvertrag angewendet haben. Als aber die Genossenschaft vorgeschlagen hat, uns in die vierte Lohnklasse aufsteigen zu lassen, hat Ctl den Werkvertrag nicht erneuert, weil sie lieber Arbeiter beschäftigen, die weniger kosten. So bin ich von Sgb wiedereingestellt worden, jedoch mit einer massiven Verschlechterung der Arbeitsbedingungen.“

Im Ctl Lager werden [Granarolo-]Frischprodukte verarbeitet: Milch, Mozzarella, Jogurt. Die Arbeit ist höchst anstrengend. „Wir arbeiten bei 4 Grad, schieben schwere Waren umher. Die Arbeitskleider, die die Genossenschaft zur Verfügung stellt, sind von schlechter Qualität. Unter diesen Bedingungen kann man höchstens zwei Jahre arbeiten. Der Körper wird verbraucht“, unterstreicht Janesh, 28, aus Bangladesh. Im Lager werden täglich Waren für nach Italien, Deutschland und Russland sortiert und 80 Personen beschäftigt, für jede Schicht etwa 20 Stapelfahrer und 50 Personen, die für das Einsammeln der zu versendenden Güter zuständig sind. „Jeder hat seine Pistole mit der Aufgabe, die Sendungen auf die Paletten und in den richtigen Warenausgang zu stellen“, erklärt Aadil, aus Marokko, 31, heute Gewerkschaftsdelegierter. „Du hörst erst dann auf zu arbeiten, wenn du deinen Teil gemacht hast. In der Regel arbeiten wir von 14 bis 20 oder 21 Uhr. Aber Ende des Monats erreicht der grösste Teil die 168 Stunden nicht und somit ist der Lohn nie vollständig, auch wenn andere Überstunden leisten.“ „Im Lagerhaus hat der Verantwortliche von Sgb ein Klima der Angst geschaffen“, fügt Bharat hinzu, „wenn du nicht mehr als 200 Sendungen pro Stunde machst, schickt er dich in die Ferien, obwohl im Vertrag 180 Sendungen festgelegt sind“.

Die Situation bei Cogefrin ist nicht besser. Cogefrin verwaltet den Import und Export von Plastikprodukten aus den arabischen Ländern, die für das restliche Europa bestimmt sind. Wie in anderen Lagerhäusern sind die Hierarchien, die aufgrund der „Rassen“ etabliert werden, die materielle Basis der Arbeitsorganisation. „Es gibt etwa 30 Arbeiter“, erzählt Hassan, „die Ausländer arbeiten draussen. Bei Regen, Schnee, Sonne sind wir immer dort, mit längeren Arbeitszeiten: Von 7.30 bis 22 Uhr. Wir laden Material auf und ab, das lose in Containern oder Säcken ankommt. Ich habe zum Glück gelernt, die Maschinen zu bedienen und lade die Container ab, was gleichwohl eine gefährliche Arbeit ist. Die anderen arbeiten mit Säcken von 25 kg, die von Hand aus den Tanks und mit Hilfe eines Fliessbands abgeladen werden. Jeder Tank enthält 20 Paletten mit 55 Säcken. Wir laden sieben Tanks täglich aus, etwa 200 Tonnen Material, die jeden Tag von vier Personen bewegt werden“.

Beschleunigung des Produktionsprozesses und Ausbeutung der rationalisierten Arbeit, auf diese Art werden im italienischen Logistiksektor die Profite gemacht. Im Hintergrund das System der Genossenschaften, das seine Ursprünge der gegenseitigen Hilfe vollständig verloren hat und nun zum Wegbereiter der Deregulierung der Arbeit geworden ist. Die Bedingung der Beteiligung als Genossenschafter entpuppt sich als eigentliche Falle: die ArbeiterInnen werden gezwungen, einen bestimmten Betrag als „Beteiligung“ an der eigenen Ausbeutung einzuzahlen: 1000 Euro an Sgb (50 pro Monat). Für die LogistikerInnen hat die Bezeichnung „Genossenschafter“ (statt „Arbeiter“) zur Folge, dass sie das Recht auf vollständige Arbeitslosenentschädigung verlieren. Als Genossenschafter müssen sie zudem eventuelle Schäden mittragen. Ausserdem können die Genossenschafterversammlungen überhaupt nicht als solche bezeichnet werden. Als Sgb den „Krisenzustand“ erklärt und somit 35 Prozent des Lohnes zurückgehalten hat, „hat uns der Verantwortliche des Ctl Lagerhauses einen Zettel für eine Versammlung unterschreiben lassen, ohne uns zu erklären, dass wir damit andere bevollmächtigten, an unserer Stelle an der Versammlung teilzunehmen“. „Bei Cogefrin haben sie die Versammlung an einem Samstag durchgeführt, als nur 4 Personen arbeiteten, und am Freitag haben sie uns eine Vollmacht unterschreiben lassen, damit wir den Ruhetag nicht verlieren.“ Zu diesem Zeitpunkt haben die Arbeiter ein Netzwerk zwischen den Lagerhäusern aufgebaut und den Kampf begonnen.

 Dort treffen, wo der Schaden am grössten ist

Wir haben letzten Sommer begonnen“, erzählt Bharat von Ctl, „zu dritt haben wir mit anderen gesprochen und entschieden, zur CGIL zu gehen. Es gab zwei Treffen und einen Besuch im Lagerhaus. Dann haben wir verstanden, dass sie sich mit der Sgb geeinigt hatten und somit war alles fertig.“ Andere haben sich an die Ugl gewendet, die hat aber nach vier Monaten die Lohnkürzung von 35 Prozent unterzeichnet. „Schlussendlich sind wir mit anderen LogistikerInnen von Sda in Kontakt getreten, die bei der Si Cobas Mitglied waren, und dann haben wir angefangen. Unsere Forderungen: fünfte Lohnklasse ab dem 1. März und Anpassung an den nationalen Tarifvertrag. Am 18. März begann der Streik“. Die Beteiligung lag bei 100 Prozent, mit totaler Blockade des Lagerhauses. „Aber auf dem Lohnzettel vom März war nicht das drauf, was wir gefordert hatten und zudem war auch eine Lohnkürzung von 35 Prozent eingefügt worden, aufgrund der ‚Krisensituation’“. Ein weiterer Streik wurde für den 29. und 30. April angekündigt. „Am 2. Mai, als wir wieder zu arbeiten beginnen wollten, wurden wir freigestellt. Es war klar, dass die Jungs bereit waren, wieder zu streiken, falls sich die Situation nicht änderte und darum haben sie uns rausgeschmissen“. 14 Arbeiter wurden bei Cogefrin freigestellt, 37 bei Ctl.

Anfänglich wurde der Streik während der Arbeitszeit ausgerufen. Dann änderte sich die Strategie, nicht nur, weil die Freistellung den Streik praktisch verunmöglichte. Bei Granarolo haben die Arbeiter entschieden, „alle Lagerhäuser des Unternehmens zu blockieren, als sich noch genug Waren im Warenausgang befanden. Das war die Art und Weise, dem Unternehmen weh zu tun“, erwidert Aadil, indem er von präzisen Kenntnissen des Produktionsprozesses Gebrauch macht. So ist der Cappuccino-Streik entstanden: Bei Sonnenaufgang wurden etwa 40 Lieferwagen blockiert, die die Milch in den Bars und kleinen Läden verteilen. Die Blockaden wurden in den Monaten Mai, Juni und Juli regelmässig wiederholt. Die Arbeiter anderer Lagerhäuser, auch ausserhalb von Bologna, haben sich in einem Netzwerk solidarisiert, das während den Generalstreiks im Logistiksektor vom 22. März, 15. Mai und 8. Juli aufgebaut wurde.

Indem sie sich darauf konzentrierten, die ersten Auslieferungen des Tages zu blockieren, haben die Streikposten einen enormen Schaden angerichtet: jede Viertelstunde 200-300’000 Euro. Gleichzeitig wurde eine Boykottkampagne aufgegleist, mit Subvertisting (Werbeverarschung) und Eindringen in die Läden. Diese Aktivitäten weiteten sich in andere Städte aus, so dass auch das heile Bild des italienischen Käsekolosses angekratzt wurde. An den Kämpfen haben sich auch Prekäre, StudentInnen und AktivistInnen von sozialen Zentren beteiligt, nicht als blosse Solidaritätshandlung, sondern mit dem Bewusstsein, trotz aller Unterschiede gleiche Lebensformen und Ausbeutung zu teilen. „Zu Beginn überraschte es mich, dass sich auch Italiener an unserem Kampf beteiligten. Ich dachte nicht, dass zwischen Studierenden und LogistikarbeiterInnen Gemeinsamkeiten bestehen würden. Dann haben wir verstanden, dass das Problem der Rechte am Arbeitsplatz alle trifft“, bestätigt Hassan. „In diesem Kampf haben wir verstanden, was Politik bedeutet“, fährt Aadil fort, „Kämpfen, um die Situation an unserem Arbeitsplatz zu ändern, aber auch das gesamte System der Ausbeutung zu bekämpfen“.

Ein politischer Raum

Es gibt noch etwas. Der Kampf hat die Spaltung unter den ArbeiterInnen in Frage gestellt. „Zwischen Pakistani und Marokkanern geht es immer Drunter und Drüber. Ich konnte mir keinen gemeinsamen Kampf vorstellen. Nun wissen wir aber, dass wir alle ausgebeutet werden und vor allem, dass es die Chefs sind, die uns gegeneinander aufhetzen,“ hebt Aadil hervor. „Während des Kampfes haben wir viel Zeit miteinander verbracht. Wir haben Streikposten aufgestellt und uns gegen die Angriffe der Polizei gewehrt. Jetzt sind wir alle geeint,“ fügt Hassan hinzu. Dort, wo also das Kapital spaltet, zeigen Kämpfe einen Weg, das Gemeinsame herzustellen, überwinden ethnische und nationale Hürden, produzieren widerständige Subjekte und werden gewonnen. Insgesamt wurde ein machtvoller Prozess der politischen Subjektivierung begonnen. Der Kampf um die Würde am Arbeitsplatz ist Widerstand gegen die Ausbeutung und zugleich Befreiung von der Ausbeutung. So hat ein Arbeiter während einer Versammlung unterstrichen: Auf arabisch hat das Wort „Würde“ die gleiche Wurzel wie „Widerstand“, „Aufstand“, „Revolte“.

In diesen Monaten haben sich Anführer des Kampfes herausgebildet, die fähig sind, sowohl politische Analysen zu entwickeln als auch den Kampf auf der Strasse zu führen. Gleichzeitig haben sich Lebensformen und Momente des gesellschaftlichen Bewusstseins herausgebildet, die einen grundlegenden Sprung in der Lebensqualität dieser jungen Arbeitsmigranten ausgelöst haben. Aller falschen Integrationsrhetorik zum Trotz sind in den Kämpfen Beziehungen, Erfahrungen und eine gemeinsame Sprache zwischen den unterschiedlichsten Menschen und Arbeitskollegen entwickelt worden, auf die niemand mehr verzichten will. Auch darum sind alle bereit, den Kampf wiederaufzunehmen, falls die Abmachungen nicht eingehalten werden.

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